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Ein "Gro▀handlungs-Gremialist"

Durch die zwölf Quartette aus opus 54, 55 und 64 hat Haydn einem kleinen Kaufmann und Geschäftemacher, der sonst vergessen wäre, zum Nachruhm verholfen. Nun kennt ihn jeder, zumindst jeder Quartettfreund, denn die besagten Quartette tragn seinen Namen. Die Rede ist von Johann Tost, dem Haydn diese Werke widmete und zum Weiterverkauf anvertraute. Tost war in Haydns Orchester in Esterhaz von 1783 an Stimmführer der zweiten Geigen. Ob ihm auf Dauer seine Stellung zu untergeordet, die 400 Gulden Jahresgehalt, die er dort zuzüglich 24 Pfund Kerzen, drei Klafter Brennholz und einer Dienstuniform erhielt, zu wenig waren, ob er nur der Abgeschiedenhit von Esterhaz entrinnen wollte oder ob seine geigerischen Leistungen beanstandet wurden, wissen wir nicht. Jedenfalls verließ er Esterhaz im Frühjahr 1788 und reiste nach Paris. Im Gepäck hatte er Haydns sechs Quartette opus 54 und 55 und zwei Sinfonien. Diese Werke verkaufte er in Haydns Auftrag an den Pariser Verleger Sieber. Ohne Haydns Wissen und Auftrag verkaufte er an Sieber allerdings auch noch sechs Haydnsche Klaviersonaten und eine Sinfonie von Gyrowetz, die er für ein Werk Haydns ausgab. zurück in Wien versuchte er, die beiden Sinfonien noch einmal zu verkaufen, und zwar n den Wiener Verleger Artaria, der mit Haydn in direkter Geschäftsbziehung stand. Haydn erfuhr von diesen Machenschaften, und da Tost ihm zudem 300 Gulden aus dem Geschäft mit Sieber schuldig blieb, schien die Beziehung der beiden am Ende. In Briefen an Sieber und Artaria bittet Haydn um Aufklärung und warnt beide vor weiteren geschäften mit Tost. Daß Haydn Tost bereits ein Jahr später erneut sechs seiner schönsten Quartette (opus 64) widmete, ist vermutlich einer Frau zu verdanken. Maria Anna von Gerlischek, klavierspielende Haushälterin des verwitweten Fürsten Esterhazy, von Haydn geschätzt und mit einer Klaviersonate beschenkt, wird beim Meister ein gutes Wort für Tost eingelegt haben, den sie kurze Zeit später heiratete. Tost hat übrigens auch von Mozart und später von Spohr Werke und Aufführungsrechte erhalten.
Man hat lange geglaubt, Tost sei ein begnadeter Geiger gewesen, dem Haydn die teilweise hochvirtuose Violino-primo-stimme dieser zwölf Quartette auf den Leib schrieb. In Wirklichkeit trat Tost nie als Solist oder Quartettprimarius in Erscheinung. Falls er Talent hatte, war es kaufmännischer Art. Als Unternehmer wurde er in Wien zum wohlhabenden »Großhandlungs-Gremialisten«, der mit Tüchern und Stoffen handelte. Als Künstler begnügte er sich damit, am Glanz großer Meister teilzuhaben, indem er kleine Geschäfte mit ihnen tätigte.

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