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OEHMS CLASSICS - Debüt-CD von Clemens Berg




Clemens Berg über diese Einspielung

Frédéric Chopin. Das ist der Name jenes Komponisten, mit dem ich meine Debüt-CD beginne – selbstverständlich, wie könnte es anders sein! Niemand kann sich der Faszination dieses Einzigen unter den Berühmten, der seine Werke fast ausschließlich dem Klavier widmete, entziehen, seiner zarten Poesie, seinem kühnen Klangsinn, seiner meisterhaften Vollendung auf dem Klavier. Doch neben diesen vielgerühmten Eigenschaften gilt meine ganze Bewunderung etwas anderem: seiner Traurigkeit. Diese ist genauso kompromisslos wie Bachs polyphone Strenge oder Beethovens Heroismus. Sie hat nichts Gekünsteltes, sondern entspringt den tiefsten Regionen seiner Seele. Ist die Traurigkeit in der Gesellschaft akzeptiert? Wer sagt schon freimütig „ich bin traurig“, ohne dass ihm kollektives Bedauern, gar Verachtung widerführe? Ich bewundere Chopin, weil in seiner kompromisslosen Ehrlichkeit wahre Größe zu uns spricht.

Meine CD beginnt mit der großen, vierten Ballade in f-Moll. Ruhig fließend beginnt ein schlichtes Thema in C-Dur, nichts, so scheint es, könnte diese Idylle trüben. Doch wie sich C-Dur als Dominante mit eiserner Konsequenz in die Tonika auflösen muss, folgt das eigentliche Hauptthema in f-Moll. Dessen elegische Weise bestimmt den Geist der Ballade, kontrastierend wirkt nur ein liebevolles, wiegendes Thema in B-Dur. Nach dieser Themenexposition kommt es in einer freien Durchführung zu mannigfaltigen Stimmungsbildern, mal unheilvoll mystisch, mal graziös elegant, dann wieder freudig aufbegehrend. Höhepunkt bildet die überraschende, in Parenthese eingeschobene Wiederkehr des schlichten ersten Themas in herrlich entferntem A‑Dur. In der Reprise wird die Geschichte zunehmend erregter: Das Hauptthema erscheint mit schneller Läufen und viel Rubato bereits ziemlich gequält, während sich das dritte Thema stetig steigert und zum Schluss geradezu triumphal in Des-Dur aufschwingt. Nun zeigt sich die ganze tragische Konsequenz der Ballade: Nach einer erzwungenen Modulation in die düstere f-Moll-Tonika rast die Musik in ungewöhnlich schroffe und brutale Akkorde, die nun gewaltsam das Ende des Stückes ankündigen. Es scheint, als laufe die ganze Ballade auf dieses blutende Kondukt hinaus. Vergleiche drängen sich auf zu Chopins eigenem Leben, der ja schon im Alter von 39 Jahren nach langer, schwerer Krankheit sterben musste. Nach einer Generalpause erklingen dann wie aus dem Himmel kommend Glockenschläge (wie am Anfang in C-Dur!), die jedoch kaum Hoffnung zu spenden vermögen. Und schließlich endet das Werk in einer wahnsinnigen f-Moll-Coda, voll – man kann es nicht anders benennen – chaotischer und rasender Verzweiflung.

Anders als in der großen Ballade zeigt sich die Traurigkeit in den Nocturnes in ihrer in sich gekehrten Form. So hat der Anfang des Nocturnes op. 48 Nr. 1 den Ausdruck schlichter Melancholie. C-Moll beherrscht dann auch 24 Takte lang das musikalische Geschehen, bis im Mittelteil überraschend ein neues, choralartiges Thema in C-Dur erscheint, anfangs äußerst leise gehalten steigert es sich zu triumphaler Kraftentfaltung. Umso erschreckender wirkt dann die Wiederkehr des Hauptthemas, nun im doppelten Tempo geradezu angstvoll verzerrt. Nach einer letzten, verzweifelten Steigerung endet das Nachtstück dann in unglaublich einsamen, verhaltenden c-Moll-Akkorden. Ohne Zweifel ist der triumphale Mittelteil eine Vision von Kraft und Glück, welche jedoch in der Nacht und an der Nacht scheitert. Sie ist nicht real, eine kurzer Traum. Zurück bleibt nur stille, nächtliche Traurigkeit. Das zweite Nocturne erscheint mir fast noch trauriger. Wenn das vorherige Stück noch als aufbäumend bezeichnet werden kann, so erscheint das zweite widerstandslos, unlebendig, ermattet. Endlos klingen die stets abwärts gerichteten Melodiebögen. Der Des-Dur-Mittelteil – in schnellem Tempo vielleicht ein Scherzo – erscheint durch das noch langsamere Tempo und die vielen piano-Einschübe und Ritardandi kraftlos und seltsam unbeteiligt. Der einzige wirkliche Höhepunkt führt dann auch in einem unglaublichen Trugschluss wieder nach fis-Moll zurück. Die Reprise überrascht durch neue Varianten und führt nach vielen Trillerketten zum Schluss sogar nach Fis-Dur, und das Nocturne endet in süßer Ermattung. So führte nicht die kraftvolle Vision und der klagende Widerstand der ersten Nocturnes zum Dur-Schluss, sondern die vollkommene Ergebung des zweiten. Das ist Chopins ehrliches Bekenntnis. Es verdient unsere Wertschätzung.

Der zweite Teil meiner CD ist Werken der Moderne gewidmet. Alban Bergs Sonate op. 1 schlägt hierbei den Bogen zwischen den Epochen, könnte man dieses elegische Werk doch als die größtmögliche Steigerung des romantischen Ausdruckswillen bezeichnen. Gleichzeitig weist es mit seiner scheinbaren Atonalität in die Zukunft. Mit dem Ende in h-Moll – übrigens vom Anfang abgesehen der einzige h-Moll-Akkord der Sonate – wird in dieser düsteren Tonart auch die Tonalität begraben, ein neues Zeitalter beginnt.

Die Variationen op. 27 von Anton Webern zählen zu meinen absoluten Lieblingsstücken. Bis ins Letzte zwölftontechnisch konstruiert, manifestiert sich in dem Werk trotzdem ein genialer Ausdruckswillen. Webern, entgegen falscher Vorstellungen vom trockenen Minimalisten, wollte für nahezu jeden Ton einen eigenen Ausdruck finden. So sang er seinen Schülern seine Musik vor(!), nie jedoch berichtete er von den Techniken, wie sie gemacht sei. Ich hoffe, Sie lernen den verhaltenen ersten Satz, den lustig bewegten zweiten und den eine Reihe verschiedener Stimmungen durchlaufenden dritten Satz wie ich zu schätzen.

Danach folgt ein Exkurs in die Gegenwart. Ich hatte die große Freude, die folgenden zwei Préludes von Manfred Trojahn uraufzuführen zu dürfen und bin stolz, diese als Erster auch einspielen zu können. Als Hommage an die Préludes Claude Debussys, findet er gleichsam eine eigene, moderne Sprache für seine Stücke. Lassen Sie sich einfach von den Titeln inspirieren…

Zum Abschluss habe ich mit der Zweiten Sonate von Alberto Ginastera von 1982 ein Stück aufgenommen, das vor allem durch prägnante Rhythmen geprägt ist. So bedient sich der fröhliche erste Satz verschiedener lateinamerikanischer Tänze, während der nächtliche zweite Satz von Gesängen der Urvölker inspiriert ist. Ginastera nannte das Thema dieses Satzes ein melancholisches Liebeslied, gesungen in der Nacht. Der Mittelteil, in der Art eines Scherzos, handelt von den ganz leisen Geräuschen in der stillen Nacht. Der letzte Satz geht dann noch einmal ganz in rhythmischer Kraftentfaltung auf, eine Musik, in der Brutalität durchaus gewollt ist. Und so verwundert es nicht, dass die Sonate dann äußerst kraftvoll und bestimmt zu Ende geht.

Viel Vergnügen beim Hören wünscht Clemens Berg.

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