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CD-Rezension

CD-Rezension

Songs, Chansons, Elegies

aus: Klassik-heute

Der Kontrabass ist – solistisch betrachtet – das Stiefkind der Streicherfamilie.
Im Gegensatz zum Jazz, wo er als absolut gleichberechtigtes Instrument neben Klavier oder Saxophon steht, erfüllt er im klassischen Bereich zumeist nicht mehr als eine stützende Funktion. Zwar gab es schon immer Virtuosen auf diesem Instrument, die Zahl der ernstzunehmenden Literatur ist – sieht man von zeitgenössischer Musik einmal ab – jedoch gering.

Das muß so nicht sein, dachte sich der aus dem Allgäu stammende Bassist Silvio Dalla Torre und so entdeckte er in historischen Quellen das Bassetto, einen in Quinten gestimmten Kontrabass, der zudem mit einem speziellen und
sehr schweren Bogen aus Eisenholz gestrichen wird.

Das klangliche Ergebnis dieses "neuen" Instruments“ wird erstmals auf der vorliegenden CD präsentiert, es umfasst Lieder und Elegien aus der Zeit der Romantik, alles lyrische und schwere Stücke. Die Auswahl dieser Lieder ohne Worte traf Dalla Torre primär aus dem Grund, den Kontrabass hinsichtlich seiner gesanglichen Qualitäten als gleichwertiges Instrument neben Violine oder Cello zu stellen. Daß die Kompositionen bzw. Adaptionen von Mendelssohn, Bruch, Bridge, Elgar, Rachmaninoff, Glasunow, Massenet, Fauré und Schumann da nicht immer gleich hohe Qualitätsstandards halten, ist also nur von sekundärer Bedeutung. Leider gibt es im Booklet nur wenige Hinweise, ob das gespielte Stück eine Originalkomposition ist oder für das Bassetto adaptiert wurde.

Wie klingt nun aber so ein Bassetto, und kann es hinsichtlich seiner Ausdrucks-qualitäten wirklich an ein Cello heranreichen? Zum Klang: Stellen Sie sich einen Kater vor, der satt und zufrieden auf ihrem Schoß hockt und vor lauter Wohlbe-finden zu schnurren beginnt. Genau dieses reizende Schnurren liegt in Dalla Torres Ton, der sein Instrument besonders in den erstaunlich hohen Lagen sehr dicht an den Klang eines Cellos heranführt. Die Basis seines Tones ist jedoch immer weich und rund, der Bauch des voluminösen Instruments verkörpert sich unüberhörbar im Timbre. Damit verbunden ist eine große Bandbreite an Ausdrucksnuancen. Auch die bei Kontrabässen so gefürchteten Intonationsprobleme existieren bei Dalla Torre nicht und so kann sich die Musik wirklich aussingen. Die Basis für diesen Gesang schafft Matthias Petersen am Klavier, dessen Spiel eine solide Grundlage für die würzig zubereiteten Basskantilenen bereitet.

Es ist schwer, von den insgesamt 23 Stücken einzelne hervorzuheben, zu sehr ähneln sie sich insgesamt in ihrer klanglichen und musikalischen Ästhetik. Daher lässt sich diese CD auch schlecht in einem Stück hören. Eine Ausnahme gibt es in diesem Kompendium lyrischer Dichte aber doch. Es ist die Adaption von Schumanns Liederkreis op. 24 nach Gedichten von Heinrich Heine. Dalla Torre beweist sich hier als ausdrucksstarker Solist, der den Textinhalt mit viel spielerischer Intelligenz in reinen Klang übersetzt. Man vergisst sehr schnell, daß es ein Kontrabass ist, der mal wehmutsvoll, mal schwärmerisch von den Leiden der Liebe erzählt. Im fünften Lied "Schöne Wiege meiner Leiden" schwingt sich der Bass zu dicht gesponnenen Linien empor, die man sonst nur von großen Cellisten zu hören erwartet.

Von den weiteren Werken seien stellvertretend die satten Tiefen in Bruchs "Kol Nidrei op. 47", die wiegende Zufriedenheit in Faurés "Romance sans paroles op. 17,3" und das leichte und flockige Spiel in Elgars "Chanson de Matin" hervorgehoben.

Silvio Dalla Torre ist mit dieser weltweit ersten und klanglich ausgewogenen Aufnahme eines Bassettos das Kunststück gelungen, das bereits so gesättigte Repertoire der Romanik um eine weitere Facette zu bereichern. Das Cello hat
eine große Schwester bekommen.

Robert Spoula
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